„Hilfe für Helfer“ nach Katastrophe: Psychologische Hilfe aus dem Kreis Soest für Feuerwehrleute

Es gibt Einsätze, die sind auch für Einsatzkräfte so belastend, dass die Helfer Hilfe in Form von psychosozialer Unterstützung (PSU) brauchen.

Im durch Überflutungen stark betroffenen Katastrophengebiet im Kreis Euskirchen war das PSU-Team der Feuerwehren im Kreis Soest dreieinhalb Tage lang im Großeinsatz. Dabei machten die speziell ausgebildeten Helfer in ihren Gesprächen mit den betroffenen Einsatzkräften Erfahrungen, die sie selbst sehr betroffen machten.
Die PSU-Kräfte waren im Rahmen eines überörtlichen Hilfeleistungs-Ersuchens durch das Land NRW über die Feuerwehren im Kreis Soest angefordert worden. Die Feuerwehrleute sind speziell dafür ausgebildet, traumatische Ereignisse mit anderen Einsatzkräften aufzuarbeiten und wichtige Gespräche mit ihnen darüber zu führen, um seelische Verletzungen schon im Früh-Stadium abzuwenden. Unterstützung bekamen die fünf „PSU-Assistenten“ aus dem Kreis Soest von sieben ebenso ehrenamtlichen Seelsorgern, die eigentlich dann in den Einsatz gehen, wenn Personen aus der Zivilbevölkerung – beispielsweise Angehörige von Unfallopfern – betreut werden müssen.

PSU-Hilfe in Katastrophengebiet: 27-köpfige Einheit für 300 Einsatzkräfte

Auch aus den Nachbarkreisen waren Kräfte dabei, sodass es als 27-köpfige Einheit unter der Leitung von Andre Graap aus Ense – seit dem 1. Januar dieses Jahres Teamleiter der PSU im Kreis Soest – am Sonntag in den Kreis Euskirchen ging. Rund 300 betroffene Einsatzkräfte mussten vor Ort betreut und „im psychologischen Bereich stabilisiert“ werden, berichtete Graap (52). „Ein Ereignis in dieser Größenordnung hatten wir bis jetzt noch nie. Das hat uns auch personell an die Kapazitätsgrenze gebracht.“
Da es für die psychosoziale Betreuung von Einsatzkräfte noch keine festgeschriebenen Landeskonzepte gebe, musste vor Ort erst einmal eine Struktur aufgebaut werden: „Wir haben Erkundungsfahrten im gesamten Landkreis Euskirchen gemacht, sind komplette Einheiten angefahren und haben mit den Einheitsführern gesprochen, wo Gesprächsbedarf herrscht. Daraus entstanden dann Folge-Einsätze mit Gruppen- und Einzelgesprächen, die bis zu vier Stunden lang gingen“, schilderte Andre Graap.

Einsatzkräfte wissen nicht, wo Familien und Kameraden sind

Die besondere Herausforderung habe in der Art dieser Großschadenslage gelegen: „Auch von den Einsatzkräften sind alle selbst persönlich durch das Unwetter betroffen gewesen. Die Bilder der Zerstörung, die es in der Presse gab, die waren schon eindrucksvoll. Aber die Bilder vor Ort und die Geschichten der Kameraden, die teilweise zehn Tage am Stück durchweg am Arbeiten waren und manchmal über Tage nicht wussten, wo ihre Familien und Kameraden abgeblieben sind – das war schon hart. Deshalb war es gut und wichtig, dass wir da waren. Unser Einsatz war ein wichtiges Entlastungsventil für die meisten. In den Gesprächen mit uns konnten die Betroffenen all das rauslassen, was sie mit den eigenen Kameraden nicht besprechen konnten oder wollten. Wir konnten ihnen den seelischen Ballast von den Schultern nehmen.“

Junger Einheitsführer muss schwere Entscheidung treffen

Ein Gespräch „mit einem jungen Einheitsführer, um die 30 Jahre alt“, habe Andre Graap persönlich besonders mitgenommen: „Zwei seiner Einsatzkräfte waren in einem Wohngebäude, um eine alte Dame zu retten. Doch plötzlich nahte die Flutwelle und er musste entscheiden, ob er seine Kräfte zurückzieht und die Dame alleingelassen wird oder ob er sie da lässt, um seine anderen Einsatzkräfte schnellstmöglich in Sicherheit zu bringen. Er rettete den Rest seiner Leute und ließ die beiden Einsatzkräfte mit der Frau zurück. Einen Tag lang wusste er nicht, ob seine Leute überlebt haben. Doch dann gab es zum Glück die erlösende Nachricht, dass sie sich zusammen mit der Dame retten konnten. Die eigenen Leute zurücklassen zu müssen – das ist wohl eine der schlimmsten Vorstellungen, die man sich in der Feuerwehr machen kann. So etwas ist wirklich sehr, sehr belastend.“
Gleichzeitig sei es schön gewesen, positives Feedback der Betroffenen zu bekommen: „Wenn wir in eine bedrückte Stimmung hineingekommen sind, war es für uns das beste Zeichen, wenn es nach drei bis vier Stunden ein erstes Lächeln in den Gesichtern der Einsatzkräfte gab und zumindest ein Stück Normalität eingekehrt ist.“

Quelle: Soester Anzeiger
Symbolbild: Markus Paetzold

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